• Theater Allround

Theater / Krieg / und wir?


Meine Welt ist nicht mehr dieselbe wie noch vor wenigen Tagen. Auch wenn es unglaublich klingt, unfassbar ist, so ist es doch wahr: nur wenige Flugstunden von uns entfernt fallen Bomben, rollen Panzer in Städte und die Opfer werden in Zivilisten und Soldaten unterteilt. Wir als Theatergruppe finden uns zusammen und müssen überlegen, was mit uns passiert. Werden wir einen Weg finden, das aktuelle Geschehen auf der Bühne zu verarbeiten? Wollen wir das überhaupt? Oder wollen wir einen Ort der Flucht bieten, einen Ort, an dem die Zuschauer die Grausamkeiten des Alltags vergessen können?

Diese Fragestellung begleitet uns nun schon seit einiger Zeit: Wollen wir dem Alltag entfliehen und einfach nur unbeschwert und leicht ein paar Stunden verbringen, ohne uns um das zu kümmern, was uns sonst immer bewegt? Können wir alle Sorgen einfach hinter uns lassen für die Momente auf der Bühne und eine Leichtigkeit erfahren, die uns der Alltag vielleicht nicht bietet? Oder sind wir nicht verpflichtet, mit dem Medium Theater unsere Position zu beziehen, unsere Ängste zu verarbeiten und dem Geschehen theatral auf den Grund zu gehen? Im letzten Jahr haben wir uns entschieden, die Pandemie nicht zum Thema unserer künstlerischen Arbeit zu machen. Wir haben uns den Regeln dieser Sache unterworfen, uns zeitweise nicht persönlich getroffen, neue Wege des Arbeitens miteinander gefunden und letztlich ein Ergebnis erzielt, das wir gemeinsam anschauen konnten. Aber wir haben Corona nie zum Thema unserer Arbeit gemacht (außer vielleicht im Bereich Masken tragen, aber auch das haben wir mehr auf unseren Stoff bezogen, denn auf Corona).

Doch jetzt ist die Situation anders: es tobt nicht nur ein Virus, sondern auch ein Krieg. Menschen sterben, nicht unmittelbar neben uns, aber vor unseren Augen, sobald wir die Nachrichten anschalten. Es greift eine Angst um sich, die auch unsere Kinder erfasst, wenn die Androhungen kommen, dass in Zukunft Gas und Strom nicht mehr ausreichend zur Verfügung stehen wird, dass es Cyber-Angriffe auf Regierungen geben wird (und schon gibt) und dass es möglich wäre, dass jemand eine Atombombe zündet. Gerade hatten wir uns mit der Pandemie abgefunden und unseren Frieden damit gemacht, da bedroht die nächste Gefahr unser kleines, beschauliches Leben. Was macht das mit uns und unseren Kindern? Wie kann eine Zukunft aussehen und was können wir tun, um die Richtung zu ändern, in die die Welt gerade trudelt? Bin ich als Einzelne dazu überhaupt in der Lage? Was helfen all die Bekundungen, wenn "die da oben" doch ihre eigene Suppe kochen? Und was hat Theater damit zu tun?

All diesen Fragen werden wir uns stellen müssen. Und wir werden unsere Antwort definieren müssen. Ich für meinen Teil bin zerrissen: Ich will so gern wieder unbeschwert und frei sein, wieder einfach nur lachen, leben, lieben - ohne Angst und Schrecken, ohne Diskussionen über diese Ungewissheit, die sich Zukunft nennt. Aber ich will auch den Austausch, will mich künstlerisch meinen Ängsten stellen, sie auf der Bühne verarbeiten und ihnen den Schrecken nehmen, wenn ich kann. Ich will berühren, Theater soll berühren. Welche der vielen Emotionen in uns berührt werden, das ist jedoch nicht klar. Ich bin gespannt auf den Austausch mit dem Rest der Truppe, wenn wir uns morgen treffen. Theater ist Leben, ist Liebe, ist Leidenschaft... und Krieg?!

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