Sinn und Sünde
- Theater Allround

- 11. Aug. 2025
- 2 Min. Lesezeit

Was ist eigentlich Sünde und wer bestimmt den Sinn?
Zwei Fragen, die uns im Zusammenhang mit Faust beschäftigen. Der erste Teil ist relativ schnell gefunden. Wenn man die Evangelische Kirche Deutschland fragt, dann erhält man folgende Erklärung: das Wort „Sünde“ ist mit dem deutschen Wort „Sund“ verwandt, mit dem ein Abgrund oder ein Graben bezeichnet wird. Sünde bezeichnet – anders als im allgemeinen Sprachgebrauch – weniger einzelne Vergehen als vielmehr eine Haltung: sich gegen Gott wenden, sich von Gott abwenden, sich über Gott erheben wollen.
Mit diesem Wissen auf das Stück geschaut, stellen wir fest, dass Faust zu Beginn seiner Reise, noch bevor er Mephisto trifft, diesen Moment hat, an dem er "wie Gott" sein will. Nie will er sich über ihn erheben, sich von ihm abwenden oder sich gegen Gott wenden. Also ist seine Sinnsuche nicht sündhaft. Aber was ist mit seinen Taten? Wie kann der Tod der Mutter, Gretchens Schwangerschaft und Fausts Fliehen vor der Verantwortung nicht mit dem Wort Sünde in Bezug gebracht werden?
Nach der Erklärung der EKD ist die Haltung, mit der Faust alle seine Verbrechen begeht, keine Sünde. Er ist also ein Verbrecher, aber kein Sünder. Faust will sich nicht von Gott abwenden, ganz im Gegenteil. Er sucht das Göttliche in seinem Leben, er sucht so sehr danach, dass er sich von Mephisto helfen lässt. Und er sucht Zeit seines Lebens danach, bis er (im zweiten Teil der Tragödie) endlich zu Gott findet.
Gretchen ist ja sowieso diejenige, die sich als gottesfürchtig zeigt. Aber sie ist auch die, die ihr Kind umbringt. Ist das nicht Sünde? Auch hier ist klar, dass Gretchen nicht sündhaft handelt, sie ist ebenso wie alle anderen auf der Suche nach dem wahren Glauben, auf der Suche nach Erlösung. Das irdische Leben gibt ihr Aufgaben, die sie nicht allein bewältigen kann und sie scheitert, wird zur Mörderin. Auch sie eine Verbrecherin, aber keine Sünderin.
Und Mephisto, ist er ein Sünder? Will er sich über Gott erheben? An keiner Stelle des Stücks gibt es einen Hinweis darauf. Nein, Mephisto hat seinen Platz angenommen und spielt mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln. Er agiert im Rahmen dessen, was Gott ihm erlaubt und will sich nicht gegen Gott wenden, über ihn erheben oder von ihm abwenden. Er freut sich sogar darüber, dass Gott mit ihm spricht.
Also ist dieses Stück, das wir als so sündhaft und voller Exzesse erleben, rein kirchlich betrachtet nicht voller Sünde, sondern voller Sinn. Denn die Suche nach Gott, die Sehnsucht nach dem Erleben göttlicher Liebe und Erkenntnis ist keine Sünde, sondern ein Weg zu und mit Gott.




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