• Theater Allround

Das Grauen naht


Die Zeit ist reif, die Kürbisse liegen vor den Türen, abends leuchten Laternen und Kinder singen in den Straßen. Und wir? Wir beginnen unseren ganz eigenen Grusel, indem wir die Figuren des neuen Stücks überzeichnen, uns aus unserer Komfortzone bewegen und so Vieles neu entdecken. Es kann einem schon eiskalt den Rücken hinunterlaufen, wenn ich mir vorstelle, ich muss auf der Bühne Dinge sagen und tun, die ich im echten Leben niemals wagen würde - und auch niemals vollbringen will. Aber dann wiederum ist da diese Faszination des Unbekannten, die Anziehungskraft des Gruseligen, die uns in Horror-Filme gehen lässt, weil wir ja wissen, dass uns nichts passieren kann. So ungefähr ist es auch mit den neuen Rollen. Sie sind so anders als wir selber und so weit von uns entfernt, dass wir niemals im Alltag auch nur daran denken würden, uns so zu benehmen. Wie faszinierend ist es da, dass uns die Bühne erlaubt, anders zu sein.

Im nächsten Stück geht es um Sex, um allgegenwärtiges Zur-Schau-Stellen und das immer-bereit-sein, das uns in Werbung aber auch im Gespräch mit Freunden begegnet. Der arme (?) Siegmund hat sich mit so vielen Frauen an- und ins Bett gelegt, dass er daran zugrunde geht. Die Frauen um ihn herum leben aus, was sie auf Plakaten und in Zeitschriften sehen und er darf, oder muss, herhalten. Befriedigt ist wohl niemand in dem Szenario, nicht einmal wirklich zufrieden, denn der Druck, eine gute Performance abzuliefern, lastet auf einigen, wenn nicht sogar auf allen. Niemand will die letzte sein, keine will der anderen den Vortritt lassen. Und sich die Blöße geben, Gefühle zu haben? Im Leben nicht. Oder... gibt es einen Weg, Körper, Seele und Geist gesamt zu befriedigen? Was wir intensiv in der Probenarbeit beleuchten, das wird extensiv auf der Bühne gelebt.

Und das stellt uns vor neue Aufgaben: Wie weit werden wir gehen können? Was werden wir wirklich zeigen wollen, wie "nackt" wollen wir uns auf der Bühne machen - und damit ist nicht nur die körperliche Blöße gemeint. Ich freue mich sehr auf eine Arbeit, die wir so noch nicht durchlaufen haben, auf neue Aspekte, auf unbequeme Begegnungen mit mir selber. Wer weiß, wo meine Grenzen sind? Ich suche sie jeden Tag auf's Neue. An diese zu kommen und sie zu überwinden, das gruselt mich manchmal mehr als jeder Halloween-Geist.


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